2023

20 Jahre Museumsbetrieb auf der Mainschleifenbahn

Am 13. September 2003 eröffnete der Förderverein Mainschleifenbahn seinen Tourismusverkehr zwischen Volkach-Astheim und der DB-Station Seligenstadt b.W. Seither rollt der rote Schienenbus Jahr für Jahr zwischen Mai und Oktober über diese 1909 fertig gestellte Bahnstrecke und bietet den Reisenden Blicke in die Landschaft, die Autofahrern verborgen bleiben. 

Für die ehrenamtlichen Eisenbahner war das zwanzigjährige Jubiläum Anlass, um an der Station Volkach Astheim zu einem kleinen Bahnhofsfest einzuladen. Bei strahlendem Sonnenschein und spätsommerlichen Temperaturen nutzen viele Einheimische und Touristen die Gelegenheit, um sich am Verpflegungsstand zu stärken oder mit dem Schienenbus mitzufahren. Mit neuen Werbebannern beklebt, wird dieser noch bis 15. Oktober an jedem Sonn- und Feiertag fahren. Zum Jahresabschluss sind dann wieder die traditionellen Nikolausfahrten geplant.

Mit einem kleinen Fest erinnerte der Förderverein am Haltepunkt Astheim an die Wiedereröffnung der Mainschleifenbahn am 13.9.2003.

In der Rückschau ist es ein kleines Wunder, dass die Mainschleifenbahn wieder fährt. Eigentlich hatte die Bundesbahn für den 17.7.1995 den Beginn der „Rückbauarbeiten“ angekündigt, doch die damalige Interessengemeinschaft Mainschleifenbahn organisierte den Widerstand auf allen Ebenen. Sogar der damalige Bundestagsabgeordnete und Vorsitzende der CSU-Landesgruppe Michael Glos intervenierte bei der Bahn. Gemeinsam gelang es die Bagger zu stoppen. Im Folgejahr 1996 pendelte am 1. Juni sogar der Prototyp des damals revolutionären Talent-Triebwagens zwischen Astheim und Würzburg. Zunächst sah es aus, als würde die Strecke auf Anregung des bayerischen Wirtschaftsministeriums als Testfall für den Betrieb privatisierter Strecken reaktiviert. Doch am Aschermittwoch 1998 scheiterten am Widerstand des damaligen Verkehrsministers alle Versuche die Volkacher und einige andere bayerische Strecken für den SPNV zu reaktivieren. 

Der Traum vom schnellen Nahverkehr I: am 1.6.1996 pendelte der damals brandneue Prototyp des TALENT Triebwagens zwischen Astheim und dem Würzburger Hauptbahnhof. 

Trotzdem gab die damalige Interessengemeinschaft Mainschleifenbahn nicht auf. Nach dreijähriger Vorarbeit hatte es der nunmehrige Förderverein geschafft, die 1994 von der DB stillgelegte Strecke anzupachten, freizuschneiden und wieder betriebsfertig herzustellen. Seit 9. Juli 2003 ist sie eine öffentliche, nicht-bundeseigene Eisenbahn mit einer unbeschränkten Zulassung bis 2052. Bis es soweit war, sind 4.237 ehrenamtliche Arbeitsstunden nötig gewesen. Der Freistaat Bayern und Kitzingens Landrätin Tamara Bischof unterstützten das Projekt mit Zuschüssen von jeweils 125.000 Euro. Parallel dazu musste der Verein ein eigenes Eisenbahn-Infrastruktur-Unternehmen gründen, qualifizierte Betriebsleiter finden, Personal ausbilden und amtlich prüfen lassen sowie schließlich auch noch einen Schienenbus finden und antransportieren lassen.

Freie Fahrt für die neue Mainschleifenbahn am 13.09.2003:

Der Volkacher Ratsherr Waldemar Sperling (Mitte) sowie die ehemaligen MdL Karin Radermacher SPD (links) und Franz Brosch CSU (rechts) durchschneiden das Band

Mit dem aus dem Fahrbetrieb erwirtschafteten Geld können seither der Schienenbus, Versicherungen, Gebühren, der Unterhalt der Strecke sowie Kauf und Betrieb der für Streckenarbeiten nötigen Baumaschinen finanziert werden. In den Folgejahren baute der Verein in Prosselsheim eine Abstellanlage samt Halle und Wartungsgrube und renovierte das dortige Bahnhofsgebäude. 2011 war es endlich möglich, der DB die 10 km lange Strecke für einen sechsstelligen Betrag abzukaufen. Nach dem Neubau der Volkacher Mainbrücke konnte  2014 Astheimer Haltepunkt auf den Brückenkopf und neben das vom Verein frisch renovierte Brückenhaus verlegt werden.  

Die Aktivitäten der Mainschleifenbahner beschränken sich nicht alleine auf den Fahrbetrieb. Jährlich sind einige Hundert Arbeitsstunden für die Wartung und Überholung des Schienenbusses, den Streckenunterhalt und für Verwaltungsaufgaben nötig. Alles muss stimmen, einen „Museumsbahn-Bonus“ gibt es nicht – auch wenn das mancher glaubt. Regelmäßig werden Fahrzeuge, Personal und Strecke von der Landeseisenbahnaufsicht inspiziert und geprüft. 

Doch nicht nur die Vereinsmitglieder haben Freude an ihrem Zug. Auch die Orte an der Mainschleife haben seit 2003 ein touristisches Alleinstellungsmerkmal das Jahr für Jahr nicht nur Tausende von Touristen in die Region lockt. Eine wissenschaftliche Studie ergab, dass allein 2008 ca. 8.000 Personen nur wegen der Bahn gekommen waren. Sie sorgten in Volkach für einen zusätzlichen Umsatz von ca. 112.000 Euro. Inzwischen fahren jedes Jahr um die 11.000 Fahrgäste im Schienenbus mit, Tendenz nach Corona wieder steigend 

Schließlich garantiert die Arbeit der Ehrenamtlichen, dass noch immer die Option besteht, in naher Zukunft mit dem Zug von Volkach nach Würzburg (oder umgekehrt) fahren zu können. Die Reisezeit in einem modernen, batterie-elektrischen Triebwagen würde knapp unter einer halben Stunde liegen. 

6a - Der Taum vom schnellen SPNV II - Elektrisch mit Strom aus der Oberleitung oder aus der Batterie (2022) .JPG

Der Traum vom schnellen Nahverkehr II: Elektrisch mit Strom aus Oberleitung bis Seligenstadt, dann mit Batterie an die Mainschleife.

Prototyp in Gunzenhausen (5.2.2022).

Um das möglich zu machen, haben die Landkreise Kitzingen und Würzburg im Mai 2021 eine kommunale Gesellschaft gegründet, die Mainschleifenbahn Infrastruktur Gesellschaft – kurz MIG. Sie ist seither für die Reaktivierung der Bahnverbindung von Volkach nach Würzburg zuständig. Sollten eines Tages wirklich Züge rollen, dann würden sie vom Freistaat Bayern bestellt und bezahlt, nicht aus der Kreiskasse. 

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Vor 55 Jahren: letzter Personenzug nach Volkach

Letzter Seufzer des „Säufer-Bähnles“, so lautete Ende September 1968 die Überschrift eines kleinen, zweispaltigen Artikels mit dem eine Tageszeitung das „Vogelsburg-Bähnle“ verabschiedete. Zwanzig Jahre lang, ab 1887 hatte sich die Stadt Volkach um einen Bahnanschluss bemüht. 1909 war es schließlich soweit. Doch nur 59 Jahre später endete der Personenzugverkehr an die Mainschleife. „750 000 DM hat die Anlage einst gekostet“ – so war 1968 zu lesen. „Selten wurde mit einer solchen Summe sovielen Menschen soolange Zeit soviel Vergnügen geschenkt“.

Am Samstag, dem 28. September 1968 rollte der letzte Personenzug von Würzburg in den Volkacher Bahnhof. Immerhin wurde er statt von einer Dampflok bereits von einer der damals modernen Dieselloks der Baureihe V 100 gezogen. Angehängt waren vierachsige „Umbauwagen“, seinerzeit durchaus komfortable Waggons. Empfangen wurde der Zug von einer kleinen Gruppe mit Volkachs letztem Bahnhofsvorsteher Paul Rinke (1924-2000) an der Spitze.

Allerdings, dieser moderne Zug pendelte 1968 nur einmal am Tag zwischen Volkach und Würzburg. Alle anderen Fahrten hatte inzwischen der Bahnbus übernommen. Wenig geliebt – so damalige Umfragen –  war er hier bereits ab 1963 immer häufiger im Einsatz, von Jahr zu Jahr wurde der Bahnfahrplan ausgedünnt. Wer konnte, der nutzte daher immer häufiger Moped, Motorrad oder sein eigenes, neu gekauftes Auto. Gleichzeitig mit dem Personenzugverkehr endeten 1968 in Eisenheim und Prosselsheim auch der Gepäck-, Express- und Stückgutverkehr. Ersatzstationen war nun Volkach und Seligenstadt b.W. 

Seltene Erinnerungsstücke an die Zeit, als die Bahn noch das Verkehrmittel Nr. 1 war: Fahrkarten mussten damals nach Reisende eigentlich an der Bahnsteigsperre abgegeben werden. Die Arbeiterwochenfahrkarte für die 2. Kalenderwoche 1957 ist 2004 beim Abbruch des Volkacher Güterschuppens gefunden worden.

Güterzüge und touristische Sonderfahrten rollten noch bis 1991 an die Mainschleife, letzte Großkunden der DB waren die Bundeswehr und ein großes Tanklager, das jährlich über 100.000 Tonnen Mineralölprodukte erhielt.  Zum 30. September 1991 sperrte die Bundesbahn schließlich die alte Volkacher Mainbrücke aus „technischen Gründen“. Die Demontage der Bahnstrecke war für Juli 1995 fest eingeplant.

Bekanntlich ist es anders gekommen: einer privaten Initiative gelang es den Abriss zu vermeiden und die von der DB stillgelegte Strecke wieder zu beleben. Seit zwanzig Jahren pendelt nun der Schienenbus des Fördervereins Mainschleifenbahn zwischen Volkach und Seligenstadt.

Inzwischen erlebt der Personennahverkehr auf der Schiene deutschlandweit eine Renaissance. Ob eines Tages wieder moderne Triebwagen in einer knappen halben Stunde von Volkach nach Würzburg rollen werden, liegt derzeit vor allem in den Händen der von den Landkreisen Kitzingen und Würzburg getragenen Mainschleifenbahn Infrastruktur GmbH – kurz MIG. Die vom Freistaat für eine Wiederaufnahme des SPNV geforderte Schwelle des Fahrgästepotentials von 1.000 Reisendenkilometern ist mit 1.400 auf jeden Fall deutlich überschritten. 

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